MS

Diroximel­­fumarat

Indikation

Diroximelfumarat ist in Deutschland zur Therapie der schubförmigen Multiplen Sklerose zugelassen. Bei Diroximelfumarat handelt es sich um eine Weiterentwicklung von Dimethylfumarat mit einem verbesserten gastrointestinalen Nebenwirkungsprofil. Das KKNMS empfiehlt den Einsatz von Diroximelfumarat bei Patienten mit milder/moderater Verlaufsform einer schubförmigen MS.

Mittlerweile sind für Dimethylfumarat Generika erhältlich. Bisher gibt es keine wissenschaftlichen Daten hinsichtlich der Verträglichkeit. 

Kontraindikationen

Diroximelfumarat ist kontraindiziert bei …

  • Kindern unter 18 Jahren. Es sind zwar keine Nebenwirkungen bekannt, die spezifisch Kinder in der Entwicklung betreffen, trotzdem sollte Diroximelfumarat zunächst nicht bei pädiatrischen MS-Patienten angewandt werden, da in den Zulassungsstudien nur Personen über 18 Jahren untersucht wurden.
  • Schwangerschaft und während der Stillzeit, da mögliche embryotoxische Wirkungen nicht ausreichend untersucht worden sind und nicht gänzlich ausgeschlossen werden können. Aus der langjährigen Erfahrung mit über 550.000 weltweit behandelten Patienten mit Dimethylfumarat, bei denen mehr als 300 Schwangerschaften aufgetreten sind, hat sich kein erhöhtes Risiko von embryotoxischen Wirkungen oder einer erhöhten Abortrate gezeigt. Im Fall einer ungeplanten Schwangerschaft unter Diroximelfumarat sollte die Therapie abgesetzt werden. 

Aus der Behandlung mit Dimethylfumarat gibt es mittlerweile Registerdaten von mehr als 300 Schwangerschaften unter Dimethylfumarat (derselbe aktive Wirkstoff wie bei Diroximelfumarat), die kein erhöhtes Risiko für das Auftreten von embryotoxischen Nebenwirkungen oder erhöhten Abortraten zeigen. Für Diroximelfumarat liegen diese Daten noch nicht vor. Ein zentrales Schwangerschaftsregister für Diroximelfumarat ist in Deutschland etabliert (Frau Prof. Dr. Kerstin Hellwig, Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum, St. Josef-Hospital).

  • Überempfindlichkeit oder Allergien gegen Diroximelfumarat oder sonstige Bestandteile des Präparats.
  • schweren Erkrankungen des Gastrointestinaltrakts wie Geschwüren des Magens und Zwölffingerdarms oder bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen des Darms, u.a. M. Crohn oder Colitis ulcerosa. 
  • schweren Leberfunktions- und Nierenerkrankungen.
  • chronischen Infektionskrankheiten wie HIV, Hepatitis B und C, da ein negativer Effekt auf die Immunkompetenz im Rahmen dieser Erkrankungen nicht auszuschließen ist.
  • bei vorbestehender schwerer Lymphopenie von < 500/µl.
  • bei vermuteter oder ggf. stattgehabter PML.

Dosierung

Diroximelfumarat wird in Form von zwei Hartkapseln à 231 mg zweimal täglich oral eingenommen. Anders als bei Dimethylfumarat sind gastrointestinale Nebenwirkungen in der Aufdosierungsphase seltener. Flushing und Flush-assoziierte Nebenwirkungen treten jedoch vermutlich ähnlich häufig wie unter Dimethylfumarat auf, sodass eine langsame Aufdosierung vorteilhaft sein kann.

Woche12
Dosierung morgens1 x 231 mg 2 x 231 mg 
Dosierung abends 1 x 231 mg 2 x 231 mg 

Anders als bei Dimethylfumarat müssen bei der Einnahme keine spezifischen diätetischen Maßnahmen wie die Einnahme mit Milchprodukten erfolgen. Aus den Zulassungsstudien ist bekannt, dass gerade in den ersten Therapiewochen die Schwere von gastrointestinalen Nebenwirkungen unter Diroximelfumarat deutlich geringer ist als unter Dimethylfumarat. Auch die Notwendigkeit eine symptombezogene Begleitmedikation einzunehmen ist reduziert.  

Pharmakokinetik

Diroximelfumarat wird schnell im Darm durch Esterasen zu seinem aktiven Wirkstoff Monomethylfumarat hydrolysiert. Bei diesem Prozess wird eine HES-Gruppe freigesetzt, die über die Niere ausgeschieden wird. Außerdem wird Methanol gebildet, jedoch in etwa neunmal geringerem Maße als nach der Spaltung von Dimethylfumarat, was das verbesserte gastrointestinale Nebenwirkungsprofil erklärt. 

Die maximale Plasmakonzentration von Monomethylfumarat wird so schnell wie nach der Spaltung von Dimethylfumarat erreicht (nach etwa drei Stunden). Die Plasma-Halbwertzeit liegt bei etwa 30 – 60 Minuten.  

Monomethylfumarat wird hauptsächlich über die Atemluft, in geringeren Mengen aber auch über den Urin und Stuhl ausgeschieden.

Pharmakodynamik und Wirkmechanismus

Durch Diroximelfumarat werden wie durch Dimethylfumarat pleiotrope Effekte sowohl auf periphere Immunzellen als auch im Zentralnervensystem vermittelt. Effekte, die von der Behandlung mit Dimethylfumarat bekannt sind, umfassen: 

  • einen Anstieg von immunmodulatorischen Th2-Zellen und regulatorischen T-Zellen. 
  • die Reduktion von proinflammatorischen Th1- und CD8+ T-Zellen.
  • eine neuroprotektive Wirkung durch die Aktivierung von anti-oxidativen Signalwegen im Zentralnervensystem, u.a. über den Signalweg Nrf2 vermittelt. 

Diagnostik || vor Therapiebeginn

Anamnese und klinische Untersuchung zu möglichen Kontraindikationen

Durch eine sorgfältige Anamnese und klinische Untersuchung sollte vor Beginn der Behandlung gezielt nach möglichen Kontraindikationen, wie z.B. Immundefekten und durchgemachte PML, gesucht werden. Gastrointestinale Vorerkrankungen sind keine grundsätzliche Kontraindikation für den Einsatz von Diroximelfumarat, sondern sollten individuell beurteilt werden. Anamnese und Untersuchung müssen detailliert dokumentiert werden (obligat).

Labor-Basisprogramm

  • Routinelaborparameter: Vor Beginn der Therapie sollten ein Differenzialblutbild und die Leber- bzw. Nierenfunktionswerte (GGT, GOT, GPT, Kreatinin) und ein Urinstatus bzgl. einer Proteinurie bestimmt werden (obligat). Aufgrund möglicher Diarrhoen besonders zu Anfang der Therapie sollten die Elektrolyte (K, Na, Cl) bestimmt werden (obligat). Die Elektrolyte sowie Leberenzyme sollten im Normbereich des im jeweiligen Labor gemessenen Messbereichs liegen.
  • Entzündungs- und Infektionsparameter: Vor Beginn der Therapie mit Diroximelfumarat sollten bei allen Patienten eine akute Entzündung (CRP, Urinstatus) und chronische Infektionskrankheiten, wie Hepatitis B und C bzw. HIV nach Aufklärung ausgeschlossen werden (fakultativ). Bei Verdacht auf eine Tuberkulose in der Vorgeschichte oder bei Personen mit erhöhter individueller Risikosituation sollte ein TB-Test (z.B. Quantiferon-Test, T-Spot-Test) durchgeführt werden (obligat). Bei positivem Testergebnis muss die Gefahr einer Tbc-Reaktivierung abgeklärt werden (Röntgen-Thorax und ggf. weitere Diagnostik) (obligat).
  • Schwangerschaftstest: Bei Patientinnen im gebärfähigen Alter sollte vor Therapiebeginn ein negativer Schwangerschaftstest vorliegen (obligat).

Radiologische Diagnostik

Ein Ausgangs-MRT des Neurocraniums sollte vor Behandlungsbeginn mit Diroximelfumarat als Ausgangsbefund für den weiteren Therapieverlauf vorliegen (nicht älter als drei Monate) (obligat).

Dokumentierte Aufklärung der Patienten über Therapie und Risiken

Eine standardisierte Aufklärung mit schriftlicher Einwilligungserklärung zur Therapie muss vorliegen (obligat). Über mögliche spezifische Nebenwirkungen und entsprechende Vorsichtsmaßnahmen muss aufgeklärt werden. Hierbei muss insbesondere auf folgende Aspekte eingegangen werden:

  • Beschwerden des Magen-Darm-Systems wie Übelkeit, Sodbrennen, Bauchschmerzen und Durchfälle.
  • vorübergehendes Erröten der Haut („Flush“) und Flush-assoziierte Ereignisse wie ein Hitzegefühl. 
  • vorübergehende Erhöhung der Leberwerte.
  • bei etwa 1% eine deutliche Abnahme der weißen Blutkörperchen im Blut. Bei Auftreten einer Lymphopenie <500/µl sollte eine vorübergehende Einnahmepause und danach ggf. eine Dosisanpassung erfolgen.  
  • unter Dimethylfumarat sind in sehr seltenen Fällen Virusinfektionen im Gehirn durch das JC-Virus aufgetreten, die zu einer progressiven multifokalen Leukenzephalopathie (PML) führen. Bisher sind bei einer Exposition von 1.267.300 Patientenjahren 12 Patienten mit PML unter Dimethylfumarat dokumentiert (Stand 01.09.2022). Ein Risiko besteht vor allem bei Patienten > 50 Jahren mit deutlicher Lymphopenie. Das PML-Risiko unter Dimethylfumarat liegt bei ca. 1 : 50.000. Ein Fall verlief bedauerlicherweise tödlich. Auf die Notwendigkeit regelmäßiger Blutbilduntersuchungen ist aufmerksam zu machen: In den ersten 12 Monaten unter Diroximelfumarat muss alle sechs bis acht Wochen das Blutbild untersucht werden – in den Folgejahren alle drei bis sechs Monate.

Vortherapien || Abstand und Maßnahmen

Behandlungsnaive Patienten

Behandlungsnaive Patienten

Es ist keine weitere Zusatzdiagnostik über die o.g. Maßnahmen hinaus nötig.

Glatirameracetat oder Interferon-beta

Vorbehandlung mit Glatirameracetat oder Interferon-beta

Es ist kein besonderer Sicherheitsabstand notwendig. Eventuelle Effekte vorheriger Therapien auf Blutbild und Leberwerte sollten abgeklungen sein. Es ist keine weitere Zusatzdiagnostik über die o.g. Maßnahmen hinaus nötig.

Teriflunomid

Vorbehandlung mit Teriflunomid

Es sollte ein Sicherheitsabstand von etwa vier Wochen bzw. eine Normalisierung des Differenzialblutbildes nach letzter Gabe eingehalten werden (obligat). Zusätzlich sollten die oben im Detail aufgeführten Sicherheitsuntersuchungen vor Beginn der Therapie mit Diroximelfumarat durchgeführt werden (obligat). Unter Umständen sollte eine forcierte Elimination des zirkulierenden Teriflunomids mittels Colestyramin durchgeführt werden.

Fingolimod, Siponimod, Ozanimod oder Ponesimod

Vorbehandlung mit Fingolimod, Siponimod, Ozanimod, oder Ponesimod

Bei Umstellung von S1P-Rezeptor-Modulatoren auf Diroximelfumarat muss vor Beginn der Therapie ein Sicherheitsabstand eingehalten werden, der sich nach der Eliminationshalbwertszeit der einzelnen Substanzen (bzw. ihrer bioaktiven Metaboliten) bemisst. Ein Sicherheitsabstand von etwa vier Wochen nach Absetzen des S1P-Rezeptor-Modulators wird für Fingolimod und Ozanimod empfohlen, während dieser Abstand bei Siponimod und Ponesimod kürzer sein kann (ein bis zwei Wochen). Pharmakodynamische Wirkungen mit Lymphopenie können jedoch länger anhaltend sein. Daher ist zum Ausschluss einer relevanten Lymphopenie ein Blutbild plus Differenzialblutbild durchzuführen (obligat). Zusätzlich sollten die oben im Detail aufgeführten Sicherheitsuntersuchungen vor Beginn der Therapie mit Diroximelfumarat durchgeführt werden (obligat).

Natalizumab oder Natalizumab-Biosimilar

Vorbehandlung mit Natalizumab oder Natalizumab-Biosimilar

Bei einer Umstellung von Natalizumab auf Diroximelfumarat sollte ein Sicherheitsabstand von etwa sechs bis acht Wochen nach letzter Gabe eingehalten werden (obligat). Zusätzlich sollten die oben im Detail aufgeführten Sicherheitsuntersuchungen vor Beginn der Therapie mit Diroximelfumarat durchgeführt werden (obligat).

Untersuchungen an 1.866 Patienten, bei denen Natalizumab wegen der ersten PML-Fälle im Jahr 2005 abgesetzt wurde, haben gezeigt, dass meist die Krankheitsaktivität wieder auftritt wie vor Beginn der Therapie. Weitere Untersuchungen inkl. einer Metaanalyse haben gezeigt, dass bei einigen Betroffenen die Schubaktivität vorübergehend sogar stärker ausgeprägt sein kann als zuvor (= Rebound-Phänomen). Durch den plötzlichen Wegfall der Hemmung durch Natalizumab kommt es zu einem verstärkten und raschen Einstrom von Entzündungszellen ins Nervensystem. Dies kann bereits vier Wochen nach Absetzen bis hin zu sechs Monaten danach auftreten.

Azathioprin, Methotrexat, Mitoxantron, Ciclosporin A, Mycophenolat-Mofetil oder Cyclophosphamid

Vorbehandlung mit Azathioprin, Methotrexat, Mitoxantron, Ciclosporin A, Mycophenolat-Mofetil oder Cyclophosphamid

Wie vor der Einleitung einer Therapie mit Dimethylfumarat ist ein mindestens dreimonatiger Sicherheitsabstand nach letzter Gabe vor Umstellung auf Diroximelfumarat einzuhalten (obligat). Ein Differenzialblutbild vor Therapiebeginn ist auch hier obligat, es sollte eine Lymphozytenzahl von >800/μl vorliegen. Zusätzlich sollten die oben im Detail aufgeführten Sicherheitsuntersuchungen vor Beginn der Therapie mit Diroximelfumarat durchgeführt werden (obligat).

Cladribin

Vorbehandlung mit Cladribin

Bei Umstellung von Cladribin ist ein Sicherheitsabstand von mindestens sechs Monaten nach dem letzten Behandlungszyklus einzuhalten. Vor Beginn einer anderen Immuntherapie muss ein Differenzialblutbild einschließlich einer Lymphozytentypisierung (CD4+-T-Zellen, CD8+-T-Zellen, B-Zellen und NK-Zellen) erstellt werden (obligat). Regelmäßige Blutbildkontrollen sollten auch nach Therapieende über mindestens fünf Jahre erfolgen (fakultativ). Therapiespezifische Effekte auf das Immunsystem (z.B. Zytopenie) sollten abgeklungen sein.

Bei Umstellung aufgrund von hoher Krankheitsaktivität unter Cladribin-Behandlung muss im Einzelfall über die Wartezeit entschieden werden. Es sollte eine zeitnahe Vorstellung an einem für MS spezialisierten Zentrum erfolgen.

Rituximab, Ocrelizumab, Ofatumumab oder Alemtuzumab

Vorbehandlung mit Rituximab, Ocrelizumab, Ofatumumab oder Alemtuzumab

Es muss ein Sicherheitsabstand von mindestens sechs bis zwölf Monaten eingehalten werden (obligat). Entscheidend für die Therapiepause vor Umstellung auf Diroximelfumarat sind ausführliche Laboruntersuchungen inkl. Differenzialblutbild (obligat) und Immunphänotypisierung (fakultativ) vor Therapiebeginn, die im Normbereich liegen sollten. Zusätzlich sollten die oben im Detail aufgeführten Sicherheitsuntersuchungen vor Beginn der Therapie mit Diroximelfumarat durchgeführt werden (obligat).

Monitoring & Maßnahmen || unter Therapie

Klinisch-neurologische Kontrolle

Es müssen halbjährlich klinisch-neurologische Kontrolluntersuchungen zur Beurteilung des Therapieerfolgs durchgeführt werden (obligat). Gastrointestinale Nebenwirkungen treten unter Diroximelfumarat seltener auf als unter Dimethylfumarat. Die Anzahl an Tagen mit mindestens moderaten gastrointestinalen Nebenwirkungen fiel in den Zulassungsstudien um 46% niedriger als unter Dimethylfumarat aus. Auch die Frequenz von gastrointestinalen Nebenwirkungen wie Durchfälle, Übelkeit, Erbrechen und abdominelle Schmerzen war unter Diroximelfumarat geringer als unter Dimethylfumarat (34,8% gegenüber 49,0%). Wie bei Dimethylfumarat klingen gastrointestinale Beschwerden in der Regel in den ersten vier bis sechs Wochen ab. Die Abbruchrate unter Diroximelfumarat aufgrund von gastrointestinalen Nebenwirkungen war in den Zulassungsstudien mit < 1% niedriger als unter Dimethylfumarat. 

Labor-Basisprogramm

Routinelaborparameter: Nach Therapiebeginn muss alle sechs bis acht Wochen eine Blutbilduntersuchung durchgeführt werden (obligat), da mit einer Reduktion der Lymphozytenzahl um ca. 30% zu rechnen ist, die allerdings nach zwölf Monaten stabil bleibt. Bei ca. 7% der in den Zulassungsstudien mit Diroximelfumarat behandelten Patienten wurden moderate Lymphopenien (500 – 800/µl) beobachtet, die über mehr als sechs Monate persistierten. Schwere Lymphopenien (< 500/µl) sind selten und wurden in der EVOLVE-MS-1 Studie nicht beobachtet. 

Bei Leukopenien unter 3.000/μl oder absoluten Lymphozytenwerten unter 500/μl ist ein Aussetzen der Medikation spätestens nach 3 Monaten angezeigt. Bei Grad-2-Lymphopenien im Bereich von 500 – 800/μl, die länger als 6 Monate anhalten, sollten engmaschige Blutbildkontrollen erfolgen. In dieser Situation ist eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung und vermehrte Vigilanz in Hinblick auf das Auftreten einer PML angezeigt. Danach sollten Kontrolluntersuchungen bis zur Normalisierung des Blutbilds erfolgen. Sollten nach einem Jahr dauerhafter Therapie die Werte unauffällig sein, so ist danach eine drei- bis sechsmonatliche Kontrolle ausreichend (obligat).

Radiologische Kontrolle

Zur paraklinischen Beurteilung des Behandlungserfolgs sowie zur möglichen Einschätzung differentialdiagnostisch relevanter Komplikationen der Therapie sollte zwölf und 24 Monate nach Beginn der Diroximelfumarat-Therapie eine MRT des Neurocraniums durchgeführt werden (fakultativ). Auf die Kontrastmittelgabe sollte verzichtet werden, wenn es keinen klinischen Anhaltspunkt für einen Krankheitsprogress bzw. ein Schubereignis gibt und eine standardisierte Ausgangs-MRT vorliegt.

Während der Therapie

Schübe, die unter Diroximelfumarat auftreten, können nach Standardvorgaben mit einer Methylprednisolon-Pulstherapie und ggf. einer eskalierenden Schubtherapie mit höheren Cortison-Dosen bzw. Plasmapherese behandelt werden. Die Diroximelfumarat-Therapie kann im Fall eines Schubs fortgesetzt werden, allerdings ist bei Schubereignissen die Indikation zur Eskalation der Therapie (z.B. auf Therapien für hochaktive MS wie Natalizumab, eine B-Zell depletierende Therapie oder einen S1P-Rezeptor Modulator) sorgfältig zu prüfen.

Eine Kombination von Diroximelfumarat mit anderen Immuntherapien ist außerhalb von Studien momentan nicht indiziert.

Besondere Hinweise

Schwangerschaft und Stillzeit

  • Diroximelfumarat ist während der Schwangerschaft/Stillzeit wie Dimethylfumarat kontraindiziert. 
  • Aus den Zulassungsstudien sind keine teratogenen Wirkungen von Diroximelfumarat bekannt. Es besteht daher kein Anlass für einen Schwangerschaftsabbruch, wenn unter Diroximelfumarat Schwangerschaften eintreten. Dennoch sollte die Therapie mit dem Versuch, schwanger zu werden, oder spätestens bei Bekanntwerden der Schwangerschaft abgesetzt werden. Unter Dimethylfumarat sind Daten von mehr als 300 Schwangerschaften verfügbar, bei denen kein erhöhtes Risiko für Fehlbildungen sowie Aborte dokumentiert wurde.
  • Unter Diroximelfumarat sollte nicht gestillt werden.

Impfungen

Es sind keine negativen Auswirkungen von Diroximelfumarat auf den Impferfolg bekannt. In einer klinischen Studie zu Dimethylfumarat konnten Patienten eine effektive Impfantwort auf Tetanus-, Pneumokokken- und Meningokokken-Antigene entwickeln. Insbesondere Impfungen gegen SARS-CoV-2 führen unter Dimethylfumarat zu einer guten humoralen Immunantwort, was auch bei Diroximelfumarat zu erwarten ist. Die Anwendung von attenuierten Lebendimpfstoffen ist unter der Therapie mit Diroximelfumarat streng zu stellen (fakultativ)

Detaillierte Empfehlungen zu Impfungen unter MS-Therapien siehe Spezialsituationen.

Infektionen

Sofern keine Lymphopenie oder laborchemischen Hinweise auf Leber- bzw. Nierenfunktionsstörungen bestehen, ist ein vorzeitiges Absetzen von Diroximelfumarat bei Infekten (Ausnahme chronische Infektionen wie HIV oder Hepatitis B/C) oder operativen Eingriffen nicht notwendig (engmaschige perioperative Laborkontrollen in diesen Fällen obligat).

Progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML)

Diroximelfumarat senkt die Anzahl von Leukozyten und Lymphozyten im peripheren Blut. Bei langdauernden Leuko- bzw. Lymphopenien ist von einem erhöhten Risiko für opportunistische Infektionen auszugehen. So wurden bei unsachgemäßem Einsatz des Kombinationspräparats Fumaderm® bzw. gleichzeitigem Einsatz von anderen Immunsuppressiva bei Psoriasis zehn Fälle von progressiver multifokaler Leukenzephalopathie (PML) beobachtet (Stand Juli 2016). In zwei Fällen ging jeweils eine ausgeprägte Leukopenie von zwei bzw. fünf Jahren Dauer voraus, ohne dass eine Dosierungspause eingelegt wurde; in einem dritten Fall war eine Behandlung mit Efalizumab für ein Jahr durchgeführt worden, bevor sich nach zweijähriger Fumaderm®-Therapie die PML manifestierte. Nach nun mehr als 500.000 behandelten Patienten sind zwölf Fälle von PML, darunter ein fatal verlaufender Fall bei einer Patientin unter Tecfidera® beschrieben worden (Stand September 2022). Die Patientin wurde vor der Therapie mit Tecfidera® nicht mit einer immunsuppressiven Substanz vorbehandelt. Auch hier hat nach den verfügbaren Informationen in einem Gesamt-Therapiezeitraum von 54 Monaten eine Lymphopenie über 3,5 Jahre bestanden (fluktuierend zwischen 290 und 580 Zellen/μl).

Grundsätzlich empfehlen wir weiterhin in den ersten Jahren einer Therapie mit Diroximelfumarat engmaschige Blutbildkontrollen und bei Auftreten von Leuko- bzw. Lymphopenien ggf. eine Therapiepause. Ausgehend von der Annahme, dass eine Leukopenie/Lymphopenie das Hauptrisiko für die Entwicklung der PML darstellt, sind im ersten Jahr Blutbildkontrollen alle sechs bis acht Wochen obligat, um ggf. rechtzeitig eine Intervention einleiten zu können, z.B. Therapiepause (siehe Labor-Basisprogramm).

Um die Sicherheit dem aktuellen Kenntnisstand weiter anzupassen, müssen auch Grad-2-Lymphopenien im Bereich von 500 – 800/μl aufmerksam verfolgt werden. Hier sind ein vermehrtes, vierwöchentliches Monitoring des Differenzialblutbilds und enge klinische Vigilanz sinnvoll, d.h. alle drei Monate neurologische Untersuchungen. Die Schwelle für die Erhebung von Zusatzinformationen mittels MRT-Bildgebung sollte niedrig sein.

Möglicherweise spielen das Alter der Patienten und die Dauer der MS-Erkrankung eine Rolle bei der Entwicklung einer PML. Die meisten PML-Fälle unter Tecfidera® sind bei Patienten im Alter zwischen 50 und 70 Jahren aufgetreten. Besonders achtsam sollte daher mit Patienten über 50 Jahren umgegangen werden.

Flushing

In den ersten vier Wochen traten bei bis zu 44% der Patienten vorübergehende Hautrötungen (sog. Flushing) und damit assoziierte Symptome wie Hitzegefühl auf. Bei regelmäßiger Einnahme bessern sich diese nach einem Monat bei den meisten Patienten, sodass nur noch etwa 5% davon betroffen sind. Eine vorherige Therapie mit ASS (Dosierung einmalig 200 bis 400 mg ca. 30 Minuten vor jeder Einnahme von Diroximelfumarat) kann das Flushing mindern. Da in aller Regel mit einem Rückgang bzw. Sistieren des Flushing nach ca. vier bis sechs Wochen gerechnet werden kann, sollte dann auch das ASS wieder abgesetzt werden. Alternativ können vorübergehend auch Antihistaminika, bevorzugt ohne sedierende Komponente, eingesetzt werden.

Dauer der Therapie

Die Dauer der Diroximelfumarat-Therapie ist derzeit nicht begrenzt. Die Indikation der Therapiefortführung sollte im Rahmen von regelmäßigen klinischen und paraklinischen Untersuchungen sorgfältig überprüft werden. Dabei ist selbstverständlich die Verträglichkeit zu berücksichtigen und eine rigorose Nutzen-Risiko-Abwägung vorzunehmen.

Autoren

  • Prof. Dr. Ralf Gold

    Neurologische Klinik der Ruhr-Universität Bochum

  • Prof. Dr. Aiden Haghikia

    Neurologische Klinik. Otto von Guericke-Universität Magdeburg

Weitere Informationen unter „Credits“.

Patientenaufklärung

Das KKNMS stellt einen Patientenaufklärungsbogen zur Therapie mit Diroximelfumarat für Sie bereit. Diesen können Sie hier herunterladen.

WORKFLOW-TABELLE

VOR der Therapie
WÄHREND der Therapie
Erläuterung

Autoren

Prof. Dr. Ralf Gold

Neurologische Klinik der Ruhr-Universität Bochum

Prof. Dr. Aiden Haghikia

Neurologische Klinik. Otto von Guericke-Universität Magdeburg