NMOSD

Eculizumab

Indikation

In Deutschland ist Eculizumab als Soliris® (Fa. Alexion) seit August 2019 zur Therapie der Aquaporin-4-Antikörper (AQP4-Ak)-positiven NMOSD mit schubförmigem Krankheitsverlauf zugelassen (Evidenzgrad I). Eculizumab ist nicht zugelassen für die Therapie der NMOSD ohne AQP4-Ak. In der Zulassungsstudie wurden nur AQP4-Ak-seropositive Patienten untersucht. Direkte Vergleichsdaten zur Wirksamkeit gegenüber weiteren, im Qualitätshandbuch NMOSD beschriebenen off-label Therapieoptionen (z. B. Rituximab, Azathioprin, Mycophenolat-Mofetil, Tocilizumab) liegen nicht vor.

Die Entscheidung zur Therapie mit Eculizumab sollte nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung unter Einbeziehung von Krankheitsaktivität, Therapierisiken und möglichen Therapiealternativen individuell getroffen werden. Auf der Basis der Zulassungsstudie PREVENT sowie unter Berücksichtigung eines erhöhten Risikos von schwerwiegenden Infektionen mit Neisserien und des hohen Therapieaufwands kann die folgende Empfehlung zur praktischen Indikation von Eculizumab gegeben werden. Besonders geeignet für die Therapie mit Eculizumab sind derzeit:

  • in erster Linie vorbehandelte NMOSD Patienten mit anhaltender Schubaktivität oder
  • nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung therapienaive Patienten mit besonders hoher Krankheitsaktivität (z. B. definiert entsprechend der PREVENT-Studie: mindestens zwei Schübe in den vergangenen zwölf Monaten oder drei Schübe in den vergangenen 24 Monaten, hiervon ein Schub in den zwölf Monaten zuvor).

Es wird empfohlen, die Therapieentscheidung in Absprache mit einem Zentrum mit ausgewiesener Erfahrung in der NMOSD-Behandlung zu treffen und die Patienten im NEMOS-Register zu erfassen.

Eculizumab ist ein rekombinanter humanisierter monoklonaler Antikörper, der an das humane Komplementprotein C5 bindet und dadurch die Aktivierung des terminalen Komplements blockiert. Eine führende Rolle des Komplementsystems in der Pathophysiologie der NMOSD wurde bereits in frühen neuropathologischen Arbeiten gezeigt. Für Eculizumab wurde im Rahmen der Phase-III-Zulassungsstudie (PREVENT) die Wirksamkeit bei der AQP4-Ak-positiven NMOSD bestätigt. Die Wirksamkeit war unabhängig von einer begleitenden oralen immunsuppressiven Therapie. So erlitten in der Eculizumab-Gruppe nur 3% der Patienten (3 von 96, hiervon 21 ohne zusätzliche Immuntherapie) einen Schub, im Vergleich zu 43% der Patienten (20 von 47, hiervon 13 ohne zusätzliche Immuntherapie) in der Placebo-Gruppe. In der offenen Verlängerungsstudie (PREVENT open-label extension study) waren 94% der Patienten nach 3,7 Jahren unter Eculizumab-Therapie als schubfrei eingestuft.

Die Blockade der terminalen Komplementkaskade durch Eculizumab erhöht das Risiko von Infektionen, insbesondere mit bekapselten Bakterien (z. B. Neisseria meningitidis und Neisseria gonorrhoeae). Es wurde über Fälle von schwerwiegenden bzw. tödlich verlaufenden Meningokokken- sowie Aspergillus-Infektionen bei mit Eculizumab behandelten Patienten mit paroxysmaler nächtlicher Hämoglobinurie und (atypischem) hämolytischurämischem Syndrom berichtet.

Eculizumab ist bereits seit mehr als 10 Jahren zur Therapie der paroxysmalen nächtlichen Hämoglobinurie (PNH), und des (atypischen) hämolytisch-urämischen Syndroms (aHUS) und seit 4 Jahren zur Therapie der AChR-Antikörper-positiven Therapie-refraktären generalisierten Myasthenia gravis im Erwachsenenalter zugelassen.

Kontraindikationen

Eine absolute Kontraindikation besteht bei …

  • Hypersensitivität gegenüber dem Wirkstoff oder einem der sonstigen Bestandteile des Arzneimittels.
  • nicht ausgeheilter Infektion mit Neisseria meningitidis.
  • Patienten ohne aktuellen Impfschutz gegen Neisseria meningitidis,
    es sei denn, sie erhalten in Ausnahmefällen bei dringender Therapieindikation eine geeignete Antibiotikaprophylaxe bis zwei Wochen nach der Impfung.

Eine relative Kontraindikation besteht bei …

  • Schwangerschaft oder während der Stillzeit.
  • akuten und chronischen systemischen Infektionen.

Dosierung

Eculizumab wird als intravenöse Infusion verabreicht. Das Dosierungsschema besteht aus einer vierwöchigen Induktionsphase, an die sich eine Erhaltungsphase anschließt. Während der Induktionsphase wird 900 mg Eculizumab über 25 – 45 Minuten einmal wöchentlich über vier Wochen verabreicht. Während der Erhaltungsphase wird 1.200 mg Eculizumab als intravenöse Infusion über 25 – 45 Minuten in Woche 5 verabreicht, gefolgt von 1.200 mg Eculizumab alle 14 ± 2 Tage. 

Dosierungsregime

≥ 2 Wo.Meningokokkenimpfung*
Vor der Behandlung
Woche 1900 mg Eculizumab
Woche 2900 mg Eculizumab
Woche 3900 mg Eculizumab
Woche 4900 mg Eculizumab
Induktionsphase
Woche 51.200 mg Eculizumab
Woche 6
Woche 71.200 mg Eculizumab
Woche 8
alle 2 Wo. 1.200 mg Eculizumab
Erhaltungsphase

* bei sofortiger Therapie antibiotische Meningokokkenprophylaxe bis mindestens 2 Wochen nach der ersten Impfung

Pharmakokinetik

  • Bei Patienten mit PNH betrug die mittlere Clearance 0,31 ± 0,12 ml / h / kg, das mittlere Verteilungsvolumen 110,3 ± 17,9 ml / kg und die mittlere Eliminationshalbwertszeit 11,3 ± 3,4 Tage (vergleichbar mit 12,4 Tagen bei einem typischen aHUS Patienten mit einem Körpergewicht von 70 kg). Die pharmakokinetischen Parameter in den Patientengruppen mit PNH, aHUS, refraktärer gMG und NMOSD stimmen überein.
  • Auf der Grundlage der o. g. pharmakokinetischen Parameter ist das Erreichen des Steady State nach etwa vier Wochen zu erwarten. 
  • Eculizumab wird in die Zellen des retikuloendothelialen Systems endozytotisch aufgenommen und wie alle Antikörper überwiegend durch lysosomale Enzyme katabolisiert. Eculizumab enthält nur natürlich vorkommende Aminosäuren und hat keine bekannten aktiven Metabolite.
  • Es wurden keine speziellen Studien zur Untersuchung der hepatischen, renalen, pulmonalen oder gastrointestinalen Eliminationswege für Eculizumab durchgeführt. Von gesunden Nieren werden Antikörper nicht ausgeschieden.
  • Die Studien mit PNH-, aHUS-, gMG- und NMOSD-Patienten ergaben, dass Geschlecht, ethnische Abstammung, Alter oder das Vorliegen einer Nieren- oder Leberfunktionsstörung die Pharmakokinetik von Eculizumab nicht beeinflussen.
  • Eculizumab kann als IgG-Antikörper potentiell in die Muttermilch übergehen und die Plazentaschranke passieren. Bei eingeschränkter Anzahl der Patientinnen, die Eculizumab während der Stillzeit bekommen haben, konnte das Präparat in der Muttermilch nicht nachgewiesen werden.

Pharmakodynamik

  • Eculizumab ist ein terminaler Komplementinhibitor, der spezifisch und mit hoher Affinität an das Komplementprotein C5 bindet. Dadurch wird die C5-Spaltung in die Fragmente C5a und C5b blockiert und die Bildung des terminalen Komplementkomplexes (C5b-9, Membranangriffskomplex) verhindert. 
  • Eine Eculizumab-Serumkonzentration von etwa 50 – 100 Mikrogramm /ml reicht für eine praktisch vollständige Hemmung der terminalen Komplementaktivität aus (getestet bei aHUS).
  • In seltenen Fällen wurden unter einer Eculizumab-Therapie anti-Eculizumab-Antikörper nachgewiesen, größtenteils transient, die nur vereinzelt auch neutralisierende Aktivität hatten. Es war keine Korrelation von Antikörperentwicklung und klinischem Ansprechen oder unerwünschten Ereignissen zu beobachten.

Diagnostik || vor Therapiebeginn 

Anamnese und klinische Untersuchung zu möglichen Kontraindikationen

Durch eine sorgfältige Anamnese und klinische Untersuchung sollten gezielt vor jeder Eculizumab-Infusion mögliche Kontraindikationen (insbesondere Infektionen) ausgeschlossen werden. Anamnese und Untersuchung müssen detailliert dokumentiert werden (obligat). Bei Patienten mit aktiver systemischer Infektion sollte der Therapiebeginn verschoben werden, bis die Infektion vollständig kontrolliert ist (obligat).

Labor-Basisprogramm

  • Routinelaborparameter: Die Bestimmung von Blutbild plus Differenzialblutbild, Leberwerten (GOT, GPT, GGT, Bilirubin) und Nierenwerten (Kreatinin) ist obligat. Die quantitative Bestimmung von Immunglobulinen ist fakultativ.
  • Entzündungs- und Infektionsparameter: Vor der Einstellung auf Eculizumab sollte ein Screening auf akute Entzündungen (CRP, Urinstatus) und chronische bakterielle und virale Infektionen (Lues, HBV, HCV, HIV) erfolgen (obligat). Für die HIV-Serologie ist eine Einverständniserklärung der Patienten erforderlich. Bei V. a. Tbc in der Vorgeschichte oder Personen, die in Gebieten mit höherer Tbc-Prävalenz leben bzw. Kontakt zu Tbc-Erkrankten haben, sollte auf eine Tbc-spezifische Immunreaktion untersucht werden (mittels Tbc-spezifischem ELISPOT oder Interferon-Release-Test, z. B. Quantiferon®) (obligat) und bei positivem Testergebnis die Gefahr einer Tbc-Reaktivierung abgeklärt werden (Röntgen-Thorax und ggf. weitere Diagnostik) (obligat). Zudem sollte überprüft werden, ob Immunität gegen das Varizella-Zoster-Virus vorhanden ist (fakultativ).
  • Impfstatus: Die Patienten müssen mindestens zwei Wochen vor der ersten Verabreichung von Eculizumab gegen Meningokokken der Serogruppen A, C, Y, W135 (Impfstoffe: Menveo®, Nimenrix®, jeweils eine Dosis) und B (Impfstoffe: Bexsero® [2 Dosen], Trumenba® [2 oder 3 Dosen]) geimpft werden. Die Impfstoffe gegen Meningokokken der Serogruppen A, C, Y, W135 bzw. B können bei der ersten Gabe an separater Injektionsstelle (bevorzugt: Deltamuskel der Oberarme) gleichzeitig gegeben werden. Die Impfung mit Bexsero® muss mit mindestens vier Wochen Abstand einmalig wiederholt werden. Die Impfung mit Trumenba® kann entweder nach sechs Monaten einmalig oder mit mindestens vier Wochen Abstand und danach erneut mit mindestens vier Monaten Abstand wiederholt werden. Wenn ein sofortiger Behandlungsbeginn notwendig ist (z. B. nach einem Schubereignis), muss eine Antibiotikaprophylaxe gestartet und bis zwei Wochen nach der ersten Impfung fortgeführt werden. Die Impfung sollte erst unter laufender Eculizumab-Therapie durchgeführt werden. Eine erfolgte Impfung schließt allerdings eine mögliche Meningokokkeninfektion nicht aus. Im weiteren Verlauf wird eine Auffrischung alle zwei bis drei Jahre empfohlen. Zudem sollte der Impfstatus generell vor Therapie überprüft und ggf. aktualisiert werden. Eine Impfung gegen Pneumokokken ist in jedem Alter empfehlenswert und obligat bei Patienten unter 18 Jahren (Off-Label Anwendung) und über 60 Jahren. Patienten unter 18 Jahren (Off-Label Anwendung) müssen zudem gegen Haemophilus influenzae geimpft werden (obligat). Eine Impfung kann zu einer zusätzlichen Aktivierung des Komplementsystems und dementsprechend potentiell zu einer Krankheitsexazerbation führen. Bei immuntherapeutisch vorbehandelten Patienten kann der Impferfolg eingeschränkt sein, weshalb ggf. eine Impftiterkontrolle erwogen werden kann.
  • Schwangerschaftstest: Bei Patientinnen im gebärfähigen Alter muss ein negativer Schwangerschaftstest vorliegen (obligat).

Radiologische Diagnostik

  • Ein MRT des Rückenmarks und des Gehirns, bei neuer klinischer Symptomatik möglichst mit Gabe eines Kontrastmittels, sollte vor Behandlungsbeginn mit Eculizumab (nicht älter als drei Monate) als Ausgangsbefund für den weiteren Therapieverlauf vorliegen (fakultativ)

Dokumentierte Aufklärung der Patienten über Therapie und Risiken

Eine standardisierte Aufklärung über Risiken und Nutzen der Eculizumab-Therapie und eine schriftliche Einwilligungserklärung des Patienten sind vor Behandlungsbeginn obligat

Es sollte speziell auf ein erhöhtes Risiko von schwerwiegenden und potentiell tödlich verlaufenden Infektionen (in erster Linie Meningokokken-Infektionen, v. a. Meningokokken-Sepsis [1:400 pro Jahr] sowie auch Infektionen durch Neisseria gonorrhoeae, Streptococcus pneumoniae, Haemophilus influenzae B (Hib) und Schimmelpilz der Gattung Aspergillus sowie auf Vorsichtsmaßnahmen (sofortige ärztliche Vorstellung und ggf. früher Beginn einer entsprechenden Antibiotikatherapie) ausführlich eingegangen werden. Den Patienten muss vor Therapiebeginn das als Teil der Zulassungsauflagen erstellte Schulungsmaterial zu Soliris® in Form der verfügbaren Informationsbroschüre sowie die Patientenkarte ausgehändigt werden.

Vortherapien || Abstand und Maßnahmen

Grundsätzlich sollte eine längere Therapiepause bei AQP4-Ak-positiver NMOSD aufgrund des Risikos schwerer Erkrankungsschübe vermieden werden. Bei Wechsel von Rituximab oder einer anderen immunsuppressiven Dauertherapie (z. B. Azathioprin, MMF, Tocilizumab, Mitoxantron, Methotrexat, Ciclosporin A, Cyclophosphamid) auf Eculizumab, sollten  eventuelle  Laborveränderungen (z. B. Lympho- / Leukopenien, Leberwerterhöhungen) und Nebenwirkungen grundsätzlich abgeklungen sein (fakultativ). Da ein Therapiewechsel auf Eculizumab in der Regel im Zusammenhang mit einem vorausgegangenen Schubereignis steht, kann in Abhängigkeit einer Nutzen-Risiko-Abwägung eine direkte Umstellung der Immuntherapie notwendig sein. In der PREVENT-Studie hatten drei Viertel der Patienten neben Eculizumab eine weitere immunsuppressive Therapie (wie z. B. Azathioprin, MMF, orale Kortikosteroide) erhalten und meistens gut vertragen. Ein Teil der Patienten war mit Rituximab (abgesetzt vor ≥ 3 Monaten) vorbehandelt. In einem Fall kam es allerdings zu einem tödlich verlaufenden Lungenempyem. Prinzipiell kann eine Kombinationstherapie oder eine überlappende Therapie mit Eculizumab und oralen Immunsuppressiva (Azathioprin, MMF, orale Kortikosteroide) durchgeführt werden. 

Für Patienten, bei denen unter der irrtümlichen Annahme einer MS ein MS-Medikament gegeben wurde und hierdurch eine Verschlechterung der NMOSD oder mitunter schwere Schübe auftraten (z. B. nach Natalizumab, Fingolimod oder Alemtuzumab) und bei denen die Indikation zur Eculizumab-Therapie gestellt wird, gelten vor Therapiewechsel dieselben Empfehlungen bezüglich der Vortherapien wie für Rituximab.

Während der Infusion || Durchführung & Monitoring

Die Verabreichung von Eculizumab kann selten (< 1%) zu einer akuten Infusionsreaktion oder anaphylaktischen Reaktionen führen. Die Therapie soll daher nur unter entsprechenden Kautelen und engmaschiger Überwachung von erfahrenem medizinischem Fachpersonal durchgeführt werden (obligat). Die Infusionen müssen über 25 – 45 Minuten über eine Venenverweilkanüle mit sicherer intravenöser Gabe durchgeführt werden (obligat). Die Patienten sollen während und eine Stunde lang nach der Infusion überwacht werden. Falls während der Verabreichung eine Nebenwirkung auftritt, kann die Infusion nach Ermessen des Arztes verlangsamt oder abgesetzt werden. Wenn die Infusion verlangsamt wird, sollte die Gesamtinfusionsdauer bei Erwachsenen zwei Stunden nicht überschreiten. Bei schweren Reaktionen muss die Infusion gestoppt werden und eine symptomatische Therapie eingeleitet werden. 

Mittel zur Behandlung anaphylaktischer und / oder schwerer Reaktionen müssen verfügbar und das Infusionsteam hinsichtlich der Behandlung von anaphylaktischen und / oder schweren Infusionsreaktionen geschult sein (obligat). Ein uneingeschränkter Zugang zu einer intensivmedizinischen Versorgungs- und Behandlungseinheit im eigenen Haus oder im nächstgelegenen Krankenhaus (z. B. via Rettungstransportwagen) ist nach der Erstversorgung einer schweren Infusions- oder allergischen Reaktion erforderlich (obligat).

Bezüglich der Handhabung und Herstellung der Infusionslösung sowie der Infusionsgeschwindigkeit sollte die Fachinformation herangezogen werden.

Monitoring & Maßnahmen || unter Therapie

Klinisch-neurologische Kontrolle

Vor jeder Medikamenten-Gabe sollen Patienten gezielt nach Zeichen einer Infektion (insbes. systemische Infektion oder Meningitis) befragt bzw. untersucht werden (obligat). Nach dem ersten Behandlungsmonat und dann vierteljährlich müssen klinisch-neurologische Kontrolluntersuchungen durchgeführt werden (obligat). Die Meningokokken-Impfung (gegen Serogruppen A, C, Y, W135 und B) soll alle zwei bis drei Jahre aufgefrischt werden. 

Labor-Basisprogramm

Blutbild und Differenzialblutbild sowie Leberparameter (GOT, GPT, Bilirubin, AP) und Nierenwerte (Kreatinin) müssen zu Therapiebeginn in Abhängigkeit möglicher Vortherapien zunächst nach zwei und vier Wochen (obligat) und danach bei guter Verträglichkeit alle drei Monate (fakultativ) erfolgen. 

Radiologische Kontrolle

Zur Beurteilung des Behandlungserfolgs sowie zur möglichen Einschätzung differentialdiagnostisch relevanter Komplikationen der Therapie sollte einmal jährlich eine MRT des Rückenmarks und des Gehirns durchgeführt werden (fakultativ). Auf die Kontrastmittelgabe sollte verzichtet werden, wenn es keinen klinischen Anhaltspunkt für Krankheitsaktivität gibt, keine klinischen Hinweise für eine PML oder andere infektiöse ZNS-Erkrankungen vorliegen und eine Ausgangs-MRT vorliegt.

Während der Therapie

Schübe, die unter Eculizumab-Therapie auftreten, können nach Standardvorgaben mit einer Methylprednisolon-Pulstherapie behandelt werden. Bei mittelschweren bis schweren Schüben soll die Schubtherapie rasch (optimalerweise innerhalb von wenigen Tagen nach dem Schubbeginn) auf Plasmapherese (PE) oder Immunadsorption (IA) eskaliert werden. Dabei muss mit einer beschleunigten Elimination von Eculizumab gerechnet werden, daher sollte die PE / IA falls möglich vor der Eculizumab-Gabe erfolgen. Um die Wirkung von Eculizumab trotz einer Apherese-Therapie aufrechtzuerhalten, soll gemäß Fachinformation innerhalb von einer Stunde nach jeder Apherese-Sitzung 600 mg Eculizumab verabreicht werden. Die klinische Relevanz von zusätzlichen Eculizumab-Gaben während einer Apherese-Schubtherapie wurde bei NMOSD nicht untersucht.

Bei atypischer klinischer Präsentation bzw. Therapieversagen sollte differentialdiagnostisch immer an eine systemische und / oder ZNS-Infektion (vor allem Meningokokken-Infektion sowie ggf. PML) gedacht werden. Insbesondere bei Verschlechterung des Allgemeinzustands mit Progression der vorbekannten Defizite muss eine systemische Infektion ausgeschlossen werden. Folgende klinischen Symptome müssen sorgfältig untersucht / abgefragt werden: Kopfschmerzen mit Übelkeit / Erbrechen bzw. Meningismus-Zeichen; Photophobie; Fieber; Hautausschlag; Verwirrtheit; grippeartige Symptome mit begleitenden Myalgien. Sollte sich der Verdacht auf eine systemische oder ZNS-Infektion erhärten, muss eine differentialdiagnostische Abklärung mittels MRT, Liquoruntersuchung (inkl. Mikroskopie, ggf. Meningokokkenantigen-Nachweis, PCR), Blutuntersuchungen (inkl. Blutkultur und PCR-Untersuchung) bzw. weitere Diagnostik zur Fokussuche unmittelbar angeschlossen werden (obligat).

Besondere Hinweise

Schwangerschaft und Stillzeit

  • Grundsätzlich sollte Eculizumab während der Schwangerschaft / Stillzeit nicht angewendet werden. Gemäß der EMA Empfehlungen sind Frauen im gebärfähigen Alter auf die Notwendigkeit einer wirksamen Empfängnisverhütung während der Behandlung und mindestens fünf Monate nach der letzten Eculizumab-Dosis hinzuweisen (obligat)
  • Eine unerwartete Schwangerschaft unter Eculizumab ist keine zwingende Indikation für einen Schwangerschaftsabbruch. 
  • Sollte nach einer kritischen Nutzen-Risiko-Analyse im Rahmen einer individuellen Therapieentscheidung die Behandlung während einer Schwangerschaft für notwendig erachtet werden, wird zu einer strengen Überwachung von Mutter und Fetus entsprechend den lokalen Leitlinien geraten. 

Es liegen keine Studien an Schwangeren vor. Daten über eine begrenzte Zahl von exponierten Schwangeren deuten nicht auf ein erhöhtes fetales Fehlbildungsrisiko oder eine fetale / neonatale Toxizität von Eculizumab hin (Fachinfo). 

Aus den zur Verfügung stehenden begrenzten Daten geht hervor, dass Eculizumab nicht in messbaren Mengen in die Muttermilch übergeht bzw. negative Effekte auf die gestillten Kinder hat. Aufgrund der Einschränkungen der verfügbaren Daten sollte Stillen während der Eculizumab-Therapie vermieden werden.

Impfungen

Bezüglich der Impfungen vor Therapiebeginn s. Punkt 2, Abschnitt Impfstatus. Nach abgeschlossenen Meningokokken-Impfungen wird im weiteren Verlauf eine Auffrischung alle zwei bis drei Jahre empfohlen.

Infektionen

Aufgrund des erhöhten Infektionsrisikos für bestimmte Erreger (s.o.) ist eine erhöhte Vigilanz erforderlich. Bei akuten Infektionen unter Eculizumab sind unverzüglich Maßnahmen zu Diagnostik und Therapie einzuleiten. Neben Meningokokken-Infektionen wurden schwere disseminierte Gonokokken-und Aspergillus-Infektionen sowie Infektionen durch Streptococcus pneumoniae und Haemophilus influenza B (Hib) beschrieben.

Dauer der Therapie

NMOSD ist eine chronisch verlaufende Erkrankung. Auch nach mehrjährigem schubfreiem Intervall kann sich eine Schubaktivität entwickeln, so dass eine lebenslange Immuntherapie grundsätzlich empfohlen wird. In der Extension der PREVENT-Studie, in der die Patienten im Median 133 Wochen behandelt wurden, hielt die Wirksamkeit der Eculizumab-Therapie an. Es wurden keine neuen Sicherheitssignale beobachtet, kein Patient entwickelte eine Meningokokken-Infektion. Das erhöhte Risiko von schwerwiegenden Infektionen und der hohe Therapieaufwand schränken eine lebenslange Therapie ein. Zudem bestehen sehr hohe Therapiekosten. Bei Beenden der Eculizumab-Therapie muss der Beginn einer alternativen Immuntherapie erwogen werden.


1. In einer kleinen offenen Studie (N = 14 Patienten) wurde die Effektivität einer zeitlich beschränkten, einjährigen Eculizumab-Therapie bei hochaktiver NMOSD untersucht. Die Schubrate stieg zwar nach der Umstellung von Eculizumab auf andere Immuntherapien an, lag jedoch weiterhin deutlich niedriger im Vergleich zur Schubrate unter Standardtherapien vor Eculizumab.

2. In der größten aktuell verfügbaren Pharmakovigilanzstudie bei PNH und aHUS (28.518 Patientenjahre) zeigten sich keine relevanten neuen Sicherheitssignale über eine Therapiedauer von max. zehn Jahren. Das Risiko einer Meningokokken-Infektion war am höchsten in den ersten zwei Jahren nach Zulassung (2007: 0,57 bzw. 2008 : 0,63 / 100 Patientenjahre), verringerte sich mit der Zeit und lag durchschnittlich bei 0,25/ 100 Patientenjahren.

Patientenaufklärung

Das KKNMS stellt einen Patientenaufklärungsbogen zur Therapie mit Eculizumab für Sie bereit. Diesen können Sie hier herunterladen.

WORKFLOW-TABELLE

VOR der Therapie
WÄHREND der Therapie
Erläuterung

Autoren

Prof. Dr. Ilya Ayzenberg

Neurologische Klinik der Ruhr-Universität Bochum

Prof. Dr. Brigitte Wildemann

Neurologische Klinik, Universität Heidelberg