Indikation
Tolebrutinib (Cenrifki®) ist ein oral verabreichter Bruton-Tyrosin-Kinase(BTK)-Inhibitor, der durch die EMA zur Behandlung erwachsener Patienten mit nichtrelapsierender sekundär progredienter Multipler Sklerose zugelassen ist (nrSPMS). Die nrSPMS ist als Unterform der sekundär progredienten Multiplen Sklerose durch eine völlige Abwesenheit klinischer Schübe bei weiterhin fortschreitender Behinderungszunahme definiert. Für den Einsatz von Tolebrutinib muss zum Zeitpunkt der Verschreibung eine fortschreitende Behinderungszunahme jedoch nicht nachgewiesen werden. Hier ist die Diagnose nrSPMS bei einer Schubfreiheit von 2 Jahren ausreichend. Die Sicherheit und Wirksamkeit der Behandlung bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren wurde nicht untersucht.
Kontraindikationen
Eine absolute Kontraindikation besteht bei …
- schwerer oder mittelschwerer Leberinsuffizienz (Child-Pugh B und C).
- Patienten mit Erhöhung folgender Werte vor Therapiebeginn: ALT oder AST ≥1,5-facher oberer Normwert, AP ≥2-facher oberer Normwert (außer bei stabiler chronischer Lebererkrankung), Gesamtbilirubin ≥1,5-facher oberer Normwert (außer bei Morbus Meulengracht oder einer nicht leberbezogenen Erkrankung).
- schwerer Immundefizienz (z. B. erworbenes Immundefizienzsyndrom (AIDS), Knochenmarkserkrankungen oder schwere, unkontrollierte, aktive Infektionen).
- Galactose-Intoleranz, völligem Lactasemangel, Glucose-Galactose-Malabsorption.
- Überempfindlichkeit gegen Tolebrutinib oder einen sonstigen Bestandteil des Präparats.
Eine relative Kontraindikation besteht bei …
- gleichzeitiger Einnahme potenziell hepatotoxischer Medikation oder potenziell hepatotoxischer pflanzlicher Heilmittel und Nahrungsergänzungsmittel.
- gleichzeitiger Anwendung von Immunsuppressiva (u.a. Kortikosteroide bei Langzeitanwendung).
- Patienten unter starken und moderaten CYP2C8-Inhibitoren (z. B. Gemfibrozil/Deferasirox/Letermovir/Selpercatinib), CYP3A/2C8-Induktoren (z. B. Carbamazepin/Phenytoin/Rifampicin/Johanniskraut/Bosentan/Efavirenz/Etravirin/Nafcillin) oder CYP2C8 poor metaboliser.
- Patienten die Digoxin, Ciclosporin oder Tacrolimus erhalten: in vitro zeigt Tolebrutinib das Potenzial Transportproteine wie P-gp, BCRP, OATP1B1, OATP1B3, OCT1, OCT2 und MATE1 zu hemmen. Bei für diese Transportproteine sensitiven Substraten wie bspw. Digoxin, Ciclosporin und Tacrolimus mit enger therapeutischer Breite ist Vorsicht geboten.
- GFR <30 ml/min, hier ist eine engmaschige laborchemische Überwachung notwendig.
- gleichzeitiger Anwendung von Antikoagulanzien oder Thrombozytenaggragtionshemmern, Blutgerinnungsstörung, bekannter Thrombozytenfunktionsstörung, Thrombozytenzahl unter 150.000/µl.
Die gleichzeitige Einnahme von Thrombozytenaggregationshemmern oder Antikoagulanzien war ein Ausschlusskriterium in den Zulassungsstudien zu Tolebrutinib. Im Rahmen der Studien GEMINI 1 und 2 wurde eine höhere Rate an starken Menstruationsblutungen, sowie petechialen Blutungsereignissen im Vergleich zu Teriflunomid berichtet. Schwere Blutungsereignisse oder Therapieabbrüche aufgrund der Blutungsereignisse traten nicht auf.
Dosierung
Tolebrutinib wird in einer Dosierung von 60 mg/Tag einmal täglich oral und zu einer Mahlzeit eingenommen, vorzugsweise täglich zur gleichen Zeit.
Eine Dosisanpassung nach Alter, Gewicht, Geschlecht oder ethnischer Zugehörigkeit ist nicht erforderlich.
Eine testweise Dosis von 240 mg Tolebrutinib/Tag (Zulassung 60 mg/Tag) zeigte bei einer Einnahme über 14 Tage eine gute Verträglichkeit. Anzeichen und Symptome einer Tolebrutinib-Überdosierung sind nicht bekannt, ebenso existiert keine spezifische Behandlung im Falle einer Überdosierung.
Pharmakokinetik
- Tolebrutinib wird bei oraler Gabe innerhalb von 1,3 Stunden resorbiert.
- Tolebrutinib zeigt eine Penetration ins ZNS-Gewebe.
- Tolebrutinib wird hauptsächlich durch CYP2C8 und in geringerem Maße durch CYP3A4 metabolisiert. Relevante CYP2C8-Inhibitoren (z.B. Gemfibrozil/Deferasirox/Letermovir), CYP3A/2C8-Induktoren (z.B. Carbamazepin/Phenytoin/Rifampicin/Johanniskraut), sowie CYP2C8 poor metabolizer können zu veränderten Plasmakonzentrationen des Hauptmetaboliten M2 führen. Eine gleichzeitige Anwendung mit solchen Präparaten sollte vermieden werden.
- Die Eliminationshalbwertszeit von Tolebrutinib und M2 beträgt ca. 4-8 Stunden.
- Zur Pharmakokinetik bei Dialyse oder Plasmaaustausch liegen keine Daten vor.
Pharmakodynamik
- Tolebrutinib erreicht bei täglicher Einnahme von 60 mg/Tag eine BTK-Besetzung von 96% in peripheren mononukleären Blutzellen (PBMCs), sowie eine über 90%-ige Hemmkonzentration im ZNS im Tierversuch.
- Es erfolgt keine B-Zell-Depletion, sondern eine Hemmung der Funktion von BTK-exprimierenden Zellen des lymphoiden und myeloischen Kompartiments (z. B. Mikroglia, B-Zellen, Makrophagen, Mastzellen).
Diagnostik || vor Therapiebeginn
Anamnese und klinische Untersuchung zu möglichen Kontraindikationen
Durch eine sorgfältige Anamnese und klinische Untersuchung sollte gezielt nach dem Vorliegen möglicher Kontraindikationen gesucht werden. Anamnese und Untersuchung müssen detailliert dokumentiert werden (obligat).
Labor-Basisprogramm
- Routinelaborparameter: Die Bestimmung von Blutbild mit Differenzialblutbild; AST/ALT/Alkalische Phosphatase/Gesamtbilirubin; Kreatinin/eGFR ist obligat.
Sollte die ALT oder AST den 1,5-fachen oberen Normwert, die AP den 2-fachen oberen Normwert (außer bei stabiler chronischer Lebererkrankung), das Gesamtbilirubin den 1,5-fachen oberen Normwert (außer bei Morbus Meulengracht oder einer nicht leberbezogenen Erkrankung) vor Beginn einer Therapie überschreiten, ist eine Therapie kontraindiziert (obligat).
Siehe hierzu auch Kontraindikationen und Monitoring & Maßnahmen bezüglich des Vorgehens in den ersten Wochen unter Therapie. - Entzündungs- und Infektionsparameter: Vor Beginn einer Therapie mit Tolebrutinib sollten akute Infektionen (CRP, fakultativ) und chronisch aktive bakterielle und virale Infekte möglichst ausgeschlossen werden.
- Impfstatus: Vor Behandlungsbeginn muss der Impfstatus gemäß Empfehlungen der STIKO für Erwachsene ab 18 Jahren und Patienten unter immunsuppressiver Therapie (inklusive Pneumokokken, COVID-19, Influenza, Herpes Zoster, Respiratorisches Synzytial Virus (RSV; ab 60 Jahren)) überprüft werden (obligat).
Die Wirksamkeit von Impfungen kann während und bis zu zwei Monate nach Absetzen von Tolebrutinib eingeschränkt sein. Die Anwendung von attenuierten Lebendimpfstoffen ist unter der Therapie mit Tolebrutinib kontraindiziert (obligat).
Bei VZV-seronegativen Patienten sollte vor Therapiebeginn mit Tolebrutinib – und solange nicht durch die Vortherapie kontraindiziert – eine Lebendimpfung gegen VZV durchgeführt werden (fakultativ). Bei seropositiven Patienten ohne Varizellenimpfung kann eine Impfung mittels Totimpfstoff erfolgen (fakultativ). Eine Therapie mit Tolebrutinib sollte erst nach Impfung gegen VZV erfolgen (fakultativ).
- Schwangerschaftstest: Bei Patientinnen im gebärfähigen Alter soll vor Therapiebeginn eine Schwangerschaft ausgeschlossen werden (obligat).
Radiologische Diagnostik
Eine MRT des Schädels soll vor Behandlungsbeginn mit Tolebrutinib für eine korrekte Indikationsstellung und als Ausgangsbefund für den weiteren Therapieverlauf vorliegen (nicht älter als sechs Monate).
Dokumentierte Aufklärung der Patienten über Therapie und Risiken
Eine standardisierte Aufklärung mit schriftlicher Einwilligungserklärung zur Therapie muss vorliegen (obligat). Über mögliche spezifische Nebenwirkungen und entsprechende Vorsichtsmaßnahmen muss aufgeklärt werden. Hierbei muss insbesondere auf folgende Aspekte eingegangen werden:
- Arzneimittelbedingter Leberschaden: Neben der engmaschigen laborchemischen Überwachung soll der Patient angehalten werden auf folgende Symptome zu achten: Ermüdung, Übelkeit, Erbrechen, abdominaler Schmerz oder Druckschmerz im rechten oberen Quadranten, Fieber, Ausschlag, Anorexie oder Ikterus.
- Sehr häufige Nebenwirkungen: Infektionen der oberen Atemwege (insb. COVID-19 und Influenza); häufige Nebenwirkungen: Hämatomneigung, Petechien, Abdominalschmerzen, starke Menstruationsblutung, ALT-Erhöhung.
- Bei Frauen: die Empfehlung zur Nutzung einer hochwirksamen Verhütungsmethode (bspw. Antibabypille oder Spirale).
Dem Patienten muss der Patientenleitfaden und die Patientenkarte ausgehändigt werden (obligat). Die Patientenkarte muss über die gesamte Behandlungsdauer mitgeführt werden (obligat).
VORTHERAPIEN || Abstand und Maßnahmen
Standardmaßnahmen bei Umstellung auf eine neue Therapie: Vor dem Start mit einer neuen Medikation müssen alle Nebenwirkungen der Vortherapie vollständig abgeklungen sein und die Basisdiagnostik der Zieltherapie muss erfolgt sein.
Behandlungsnaive Patienten
Keine Zusatzdiagnostik über die Standardmaßnahmen hinaus nötig.
Interferon-beta oder Glatirameracetat
- Effekte auf das Blutbild (z.B. Lymphopenie, Leukopenie) sollten abgeklungen sein.
- Effekte auf Leber-/Nierenwerte sollten abgeklungen sein.
Fumarate (Dimethylfumarat, Diroximelfumarat, Tegomilfumarat)
- Effekte auf das Immunsystem (z.B. Zytopenie) sowie auf Leber-/Nierenwerte sollten abgeklungen sein.
Teriflunomid
- Auswaschen (z.B. mit Colestyramin) zwingend notwendig wegen langer Eliminationshalbwertszeit (obligat).
- Effekte auf das Immunsystem (z.B. Zytopenie) und Leberwerte sollten abgeklungen sein.
-
Im Einzelfall bei hochaktiven Patienten Abstand auch kürzer als 4 Wochen (Nutzen-Risiko-Abwägung bei Nachweis eines adäquat abgefallenen Teriflunomidspiegels (<0,02 mg/l)).
Fingolimod, Ozanimod (S1P-Rezeptor-Modulatoren)
- Sicherheitsabstand orientiert sich an der Eliminationshalbwertszeit.
- Blutbildkontrolle (plus Differenzialblutbild) zum Ausschluss einer relevanten Lymphopenie erforderlich, da pharmakodynamische Effekte nachhinken können.
- Effekte auf Labor- und Vitalwerte sollten abgeklungen sein.
- Beim Absetzen von Fingolimod ist zu beachten, dass es bei ca. 5% der mit Fingolimod behandelten Patienten zu einem schweren Rebound mit teils fulminant verlaufenden Schüben kommen kann.
- Aufgrund der ähnlichen Pharmakodynamik durch Besetzung von S1P-Rezeptoren: direkte Umstellung von einem S1P-Rezeptor-Modulator auf einen anderen erscheint möglich – klinisch relevante additive Immuneffekte werden nicht erwartet.
- Bei mangelnder Wirksamkeit oder Therapie-assoziierten Nebenwirkungen: Umstellung innerhalb der gleichen Substanzklasse in der Regel nicht zu empfehlen. Einzelfallentscheidung unter sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung.
Ponesimod, Siponimod (S1P-Rezeptor-Modulatoren)
- Aufgrund kürzerer Eliminationshalbwertszeit reicht ein Abstand von 1–2 Wochen.
- Blutbildkontrolle (plus Differenzialblutbild) zum Ausschluss einer relevanten Lymphopenie erforderlich.
- Effekte auf Labor- und Vitalwerte sollten abgeklungen sein.
Natalizumab / Natalizumab-Biosimilar
- Eventuelle Effekte auf das Immunsystem (z.B. Lymphozytose, Zytopenie) sollten abgeklungen sein.
- Ausschluss einer progressiven multifokalen Leukenzephalopathie (PML): kraniales MRT (< 3 Monate vor Beginn inklusive hochsensitiver FLAIR-Sequenz) und ggf. auch Liquoruntersuchung mittels JCV-PCR.
- Erhöhte Vigilanz erforderlich: bei JCV-positiven Patienten oder Therapiedauer > 24 Monaten (obligat).
- Beim Absetzen von Natalizumab ist zu beachten, dass es zu einem Rebound der Krankheitsaktivität kommen kann.
Mitoxantron, Azathioprin, Methotrexat, Ciclosporin A oder Cyclophosphamid
- Eventuelle Effekte auf das Immunsystem (z.B. Zytopenie) bzw. auf die Leber-/Nierenfunktion und kardiovaskuläre Funktion müssen abgeklungen sein (obligat).
- Bei Mitoxantron-Vorbehandlung:
- 1) Durchführung einer Echokardiographie, sofern die letzte Untersuchung drei Monate oder länger zurückliegt.
- 2) Klinische Aufmerksamkeit aufrechterhalten für die mögliche späte Manifestation einer akuten myeloischen Leukämie und die Laborkontrollen (Differenzialblutbild) in dieser Hinsicht durchsehen (obligat).
Cladribin
- Effekte auf das Immunsystem (z.B. Zytopenie) sollten abgeklungen sein.
- Regelmäßige Blutbildkontrollen sollten über mindestens fünf Jahre erfolgen (fakultativ).
- Bei Umstellung aufgrund von hoher Krankheitsaktivität: Wartezeit muss im Einzelfall unter sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung entschieden werden.
Anti-CD20-Antikörper (Ocrelizumab, Ofatumumab, Rituximab, Ublituximab)
- Effekte auf das Immunsystem (z.B. Zytopenie) sollten abgeklungen sein.
- Sicherheitsabstand von 6 Monaten nach der letzten Infusion kann ggf. verkürzt werden, wenn mittels Lymphozytentypisierung zirkulierende B-Zellen nachgewiesen werden (beginnende B-Zell-Repopulation).
- Aufgrund des mechanistisch vergleichbaren Wirkungsmechanismus reicht bei einem horizontalen Wechsel von Ofatumumab auf Ocrelizumab oder Ublituximab ein Abstand von 1 Monat zur letzten Gabe, mit ggf. Verzicht auf erneute Eindosierungsphase nach ärztlichem Ermessen.
- Bei Therapie-assoziierten Nebenwirkungen: Umstellung innerhalb der gleichen Substanzklasse in der Regel nicht zu empfehlen. Einzelfallentscheidung unter sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung.
Alemtuzumab
- Effekte auf das Immunsystem (z.B. Zytopenie) sollten abgeklungen sein.
- Kompletter Immunstatus, einschließlich Lymphozytentypisierung, sollte erhoben werden.
- Das nach der letzten Alemtuzumab-Infusion vorgeschriebene klinische und Labormonitoring muss fortgeführt werden (obligat).
Tolebrutinib
- Kurze biologischen Halbwertzeit von Tolebrutinib.
- Therapieeffekte auf das Blutbild sollten abgeklungen sein und die Leberwerte sollten sich normalisiert haben.
Studienmedikation
- Mindestens fünf Plasmahalbwertszeiten des Studienmedikaments bzw. Abklingen der pharmakodynamischen Effekte muss abgewartet werden.
- Dokumentation des Immunstatus anhand bekannter objektiver Maße: Zytopenie, Leberwerterhöhungen, einschlägige Vitalparameter (obligat).
Monitoring & Maßnahmen || unter Therapie
Klinisch-neurologische Kontrolle
Es müssen vierteljährlich klinisch-neurologische Kontrolluntersuchungen durchgeführt werden (obligat), ggf. unter Hinzuziehung von MS-behandlungserfahrenen Ärzten (z. B. MS-Zentren). Nach einem Jahr Therapie kann das Intervall der klinisch-neurologischen Kontrolluntersuchungen auf 6-12 Monate verlängert werden. Bei Auftreten von Symptomen eines arzneimittelinduzierten Leberschadens wie Ermüdung, Übelkeit, Erbrechen, abdominaler Schmerz oder Druckschmerz im rechten oberen Quadranten, Fieber, Ausschlag, Anorexie oder Ikterus müssen Maßnahmen nach 2. Lebermonitoring ergriffen werden.
Lebermonitoring
Zur Vermeidung irreversibler arzneimittelinduzierter Leberschädigung (drug-induced liver injury, DILI) ist zu Therapiebeginn ein intensives laborchemisches Lebermonitoring mit Bestimmung von ALT/AST/AP/Gesamtbilirubin obligat. Zudem muss dem Patient ein Therapiepass und die behördlich genehmigte Patienteninformation ausgehändigt werden (obligat). Neben den unten stehenden Tabellen kann auch der beiliegende Flowchart „Leberwertmonitoring unter Tolebrutinib“ verwendet werden.
In der HERCULES-Studie wurden folgende Leberwerterhöhungen berichtet:
- ALT-Erhöhungen >3x oberer Normwert bei 4,0% gegenüber 1,6% der Patienten (Tolebrutinib versus Placebo).
- ALT-Erhöhungen >20x oberer Normwert bei 0,5% der Tolebrutinib-behandelten Patienten.
- ALT-Erhöhungen >3x oberer Normwert und gleichzeitig Bilirubin >2x oberer Normwert bei 0,3% der Tolebrutinib-behandelten Patienten.
Alle Fälle traten innerhalb der ersten 12 Wochen nach Behandlungsbeginn auf.
Routine-Lebermonitoring
| Zeitraum | Häufigkeit | Laborparameter |
| Vor Therapiebeginn | ALT / AST / AP / Gesamtbilirubin | |
| Monat 1 bis 3 | wöchentlich | ALT / AST / AP / Gesamtbilirubin |
| Monat 4 bis 12 | monatlich | ALT / AST / AP / Gesamtbilirubin |
| Monat 13 bis 24 | halbjährlich | ALT / AST / AP / Gesamtbilirubin |
| Ab Monat 25 | halbjährlich bis jährlich | ALT / AST / AP / Gesamtbilirubin |
Flowchart „Leberwertmonitoring unter Tolebrutinib“ (PDF)
Wann muss die Therapie unterbrochen werden?
| Laborbefund | Zusätzliche Voraussetzung | Maßnahme |
| ALT oder AST > 3 und ≤ 5-fach oberer Normwert | Klinische Symptome* oder Gesamtbilirubin > 2-fach oberer Normwert | Therapie unterbrechen |
| ALT oder AST > 5-fach oberer Normwert | Therapie unterbrechen |
* Ermüdung, Übelkeit, Erbrechen, abdominaler Schmerz oder Druckschmerz im rechten oberen Quadranten, Fieber, Ausschlag, Anorexie oder Ikterus
Vorgehen nach Therapieunterbrechung
| Schritt | Maßnahme |
| 1. Laborkontrolle | ALT/AST alle 2-3 Tage kontrollieren |
| 2. Besserung der Leberwerte | Kontrolle wöchentlich |
| 3. Bis Normalisierung | Kontrolle bis ALT/AST < 1,5-fach oberer Normwert |
| 4. Therapiefortführung | Neubeginn des Routine-Lebermonitorings |
| Parallel | Ursachensuche Leberwerterhöhung (DILI vs. andere Ursache) |
Maßnahmenkatalog Ursachensuche
Je nach Einzelfall können Maßnahmen aus dem folgenden Katalog umgesetzt werden, um eine Differenzierung der Leberwerterhöhung zwischen einer DILI (drug induced liver injury) oder einer anderen Ursache vorzunehmen (fakultativ). Ob und welche dieser Maßnahmen durchgeführt werden, hängt vom individuellen Einzelfall ab.
| Schritt | Maßnahme | |
| Anamnese | Medikation / Nahrungsergänzungsmittel / Alkohol / Reiseanamnese | |
| Berechnung R-Wert | R = (ALT/ALT-ULN) ÷ (AP/AP-ULN) | R>5: Hepatozellulär |
| R<2: Cholestatisch | ||
| R 2-5: Mischform | ||
| Je nach vermuteter Ursache | Laborparameter | AP/GGT |
| Gesamtbilirubin / Direktes Bilirubin | ||
| INR / Quick / Albumin | ||
| Blutbild einschließlich Eosinophilie | ||
| HAV-IgM / HBsAg + Anti-HBc / Anti-HCV / HEV-IgM | ||
| ANA / SMA / ASMA | ||
| Ferritin + Transferrinsättigung | ||
| CK | ||
| Gesamt-IgG | ||
| Bildgebung | Abdomensonografie | |
Bei Unklarheiten bezüglich der Ursache der Leberwerterhöhung kann eine internistische Mitbeurteilung erfolgen (fakultativ).
Wenn andere Ursache als DILI wahrscheinlich:
| Kriterium | Maßnahme |
| ALT und AST < 1,5-fach oberer Normwert | Wiederaufnahme der Behandlung |
| Nach Wiederaufnahme der Therapie ALT oder AST > 3 -fach oberer Normwert | Dauerhaftes Absetzen |
Wenn DILI wahrscheinlich:
| Kriterium | Maßnahme |
| ALT oder AST 8-fach über oberem Normwert | Dauerhaftes Absetzen |
| ALT oder AST 5-fach über oberem Normwert für mehr als 2 Wochen | Dauerhaftes Absetzen |
| ALT oder AST 3-fach über oberem Normwert und Gesamtbilirubin 2-fach über oberem Normwert | Dauerhaftes Absetzen |
| Keines der o.g. Kriterien erfüllt | Weiteres Vorgehen wie nach Therapieunterbrechung |
Nach Therapiepause ≥1 Jahr
| Zeitraum nach Wiederbeginn | Häufigkeit | Maßnahme |
| Monat 1 bis 3 | wöchentlich | ALT / AST / AP / Gesamtbilirubin |
| Monat 4 bis 12 | monatlich | ALT / AST / AP / Gesamtbilirubin |
| Monat 13 bis 24 | halbjährlich | ALT / AST / AP / Gesamtbilirubin |
| Ab Monat 25 | halbjährlich bis jährlich | ALT / AST / AP / Gesamtbilirubin |
Weiteres Labor-Basisprogramm
Blutbild und Differenzialblutbild sowie Kreatinin sollen nach Behandlungsbeginn im Rahmen der klinischen Verlaufskontrollen kontrolliert werden (obligat).
Niereninsuffizienz
Bei Niereninsuffizienz mit einer GFR < 30 ml/min sind regelmäßige Laborkontrollen durchzuführen.
Radiologische Kontrolle
Zur Beurteilung des Krankheitsverlaufs, sowie der -aktivität sollte alle 12 Monate eine MRT des Schädels erfolgen. Auf die Kontrastmittelgabe sollte verzichtet werden, wenn eine standardisierte Ausgangs-MRT vorliegt.
Ophthalmologische Kontrolle
Im Rahmen präklinischer Toxizitätsstudien an Mäusen traten bei deutlich erhöhten Dosen intraokulare Hämorrhagien auf. Wir empfehlen daher Patienten unter Einnahme gerinnungshemmender Medikation oder mit anderweitig erhöhtem Blutungsrisiko eine regelmäßige augenärztliche Kontrolle (fakultativ).
Dermatologische Kontrolle
Bei onkologischen Patienten, welche mit BTK-Inhibitoren (nicht Tolebrutinib) behandelt wurden, wurde eine erhöhte Rate an sekundären Primärmalignomen berichtet, insb. nichtmelanozytäre Hauttumoren. Zu Tolebrutinib bei MS-Patienten selbst liegen keine Langzeitdaten vor, ob es sich hier um einen Klasseneffekt handelt ist also unklar. Patienten sollten angehalten werden die aktuellen Empfehlungen zur Hautkrebsvorsorge umzusetzen.
Während der Therapie
Schübe, die unter Tolebrutinib auftreten, können nach Standardvorgaben mit einer Methyl-prednisolon-Pulstherapie behandelt werden. Eine Unterbrechung der Tolebrutinib-Therapie ist bei einer Schubbehandlung nicht grundsätzlich erforderlich. Die individuelle Infektionssituation ist zu berücksichtigen.
Zur Durchführung von Plasmapherese unter Tolebrutinib liegen keine Daten vor. Aufgrund der hohen Plasmaeiweißbindung sollte Tolebrutinib im Rahmen einer Plasmapherese ausgewaschen werden. Aufgrund des gleichzeitig hohen Verteilungsvolumens ist die Auswirkung auf die Wirksamkeit von Tolebrutinib derzeit unklar.
Unter Tolebrutinib gibt es Hinweise auf vermehrte hämorrhagische Ereignisse. Siehe hierzu auch relative Kontraindikationen. Perioperativ soll abhängig vom Blutungsrisiko des geplanten Eingriffs eine Therapieunterbrechung von 3-7 Tagen vor und nach dem geplanten Eingriff abgewogen werden.
Besondere Hinweise
Schwangerschaft und Stillzeit
- Prinzipiell müssen Frauen im gebärfähigen Alter auf die Anwendung einer wirksamen Empfängnisverhütung aufmerksam gemacht werden (obligat).
- Es liegen aktuell keine belastbaren Daten zu Schwangerschaften unter Tolebrutinib vor. Da in tierexperimentellen Studien ein Übertritt über die Plazenta nachgewiesen wurde, raten wir zu einem Absetzen vor geplanter und bei eingetretener Schwangerschaft.
- Es liegen unzureichende Daten zum Übergang von Tolebrutinib oder M2 in die Muttermilch vor. Ein Einsatz sollte erst nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen. Eine Behandlung mit Tolebrutinib in der Stillzeit sollte erst nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung durchgeführt werden.
Impfung
Für detaillierte Empfehlungen zu Impfungen unter MS-Therapien siehe KKNMS Merkblatt „Pocketcard für Patienten: Impfung und MS“ sowie das Qualitätshandbuchkapitel „Spezialsituationen“.
(Opportunistische) Infektionen
Bei akuten Infektionen unter Tolebrutinib sind unverzüglich Maßnahmen zu Diagnostik und Therapie einzuleiten (obligat). Sollten sich Zeichen einer Immunkompromittierung zeigen (z. B. Infekthäufung, Aktivierungen latenter Virusinfektionen, opportunistische Infektionen), ist die Therapie mit Tolebrutinib nur nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung fortzuführen (obligat).
Vorhofflimmern/Vorhofflattern
Es gibt Hinweise auf einen Zusammenhang von Therapie mit Tolebrutinib und Auftreten von Vorhofflimmern/Vorhofflattern. Patienten mit erhöhtem Risiko diesbezüglich, wie bei Vorliegen von bekannten Rhythmusstörungen, Herzinsuffizienz oder Hypertonie sollten auf Symptome wie Herzklopfen, Schwindel, Kurzatmigkeit oder Brustbeschwerden hingewiesen werden. Falls diese auftreten, muss eine entsprechende Diagnostik und Therapie eingeleitet werden (obligat).
Suizidgedanken/suizidales Verhalten
Es wurden Fälle berichtet, bei denen Suizidgedanken zeitgleich mit einer Therapie mit Tolebrutinib auftraten. Ein kausaler Zusammenhang wurde bisher nicht belegt. Patienten und Pflegepersonen sollten angewiesen werden, auf ungewöhnliche Stimmungs- oder Verhaltensänderungen oder das Auftreten von Suizidgedanken, suizidalem Verhalten oder Gedanken an Selbstverletzung zu achten und solche Symptome unverzüglich dem Arzt mitzuteilen.
Therapieumstellung von Tolebrutinib auf ein anderes Präparat
Angesichts der kurzen biologischen Halbwertzeit empfehlen wir einen Abstand von zwei Wochen vor Umstellung auf eine andere Therapie. Therapieeffekte auf das Blutbild sollten vor Beginn einer anderen Therapie abgeklungen sein und die Leberwerte sollten sich normalisiert haben.
Dauer der Therapie
Die Dauer der Behandlung richtet sich nach dem individuellen Nutzen-Risiko-Verhältnis und dem klinischen Krankheitsverlauf. Eine routinemäßige Beendigung von Tolebrutinib nach einem bestimmten Zeitraum ist aufgrund der derzeitigen Datenlage nicht vorgesehen. Die Indikation zur Fortführung sollte im Rahmen der regelmäßigen klinischen Verlaufskontrollen überprüft werden.
Autoren
- Prof. Dr. Stefan Bittner
Klinik für Neurologie, Universitätsmedizin Mainz
- Jan-Simon Haas
Klinik für Neurologie, Universitätsmedizin Mainz
- Prof. Dr. Mathias Mäurer
Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Klinikum Würzburg Mitte, Standort Juliusspital, Würzburg
Weitere Informationen unter „Credits“.
Patientenaufklärung
Das KKNMS stellt einen Patientenaufklärungsbogen zur Therapie mit Tolebrutinib für Sie bereit.
Patientenaufklärungsbogen zur Therapie mit Tolebrutinib (PDF)
Autoren
Prof. Dr. Stefan Bittner
Klinik für Neurologie, Universitätsmedizin Mainz
Jan-Simon Haas
Klinik für Neurologie, Universitätsmedizin Mainz
Prof. Dr. Mathias Mäurer
Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Klinikum Würzburg Mitte, Standort Juliusspital, Würzburg
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In der HERCULES-Zulassungsstudie wurden die Definition der nicht-relapsierenden SPMS über die Einschlusskriterien wie folgt operationalisiert: Kein klinischer Schub in den letzten 24 Monaten bei nachgewiesener Behinderungszunahme in den letzten 12 Monaten. MRT-Aktivität hatte keinen Einfluss auf die Studienteilnahme. Weitere Einschlusskriterien waren u.a. ein Alter zwischen 18 und 60 Jahren, sowie ein EDSS zwischen 3,0 und 6,5. Die Patienten waren bei Studieneinschluss im Schnitt 49 Jahre alt und hatten einen mittleren EDSS Score von ca. 5,5. Eine Behandlung mit Tolebrutinib führte gegenüber Placebo zu einer Risikoreduktion von 31% für eine Behinderungsprogression (time to 6-month confirmed disability progression). Während der Durchführung der Studienprogramme wurde aufgrund von drug-induced liver injuries (DILIs) ein intensives Lebermonitoring für Tolebrutinib notwendig. Dieses wurde im Rahmen der Zulassung in eine Mitigierungsstrategie überführt, siehe hierzu Abschnitt Monitoring & Maßnahmen.
Bei schubförmiger MS (GEMINI 1+2) konnte bei Tolebrutinib keine Überlegenheit gegenüber Teriflunomid bezogen auf die jährliche Schubrate gezeigt werden, wobei die sekundären Endpunkte der 3- und 6-Monats-Behinderungsprogression signifikant seltener auftraten (29% bzw. 27% Risikoreduktion). Bei primär progressiver MS (PERSEUS) konnte keine Überlegenheit gegenüber Placebo bezogen auf den primären Endpunkt der Behinderungsprogression gezeigt werden.